Blogger Relations and THE Sweater

© Tollwasblumenmachen.de

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Seit geraumer Zeit ist das Zauberwort bei Unternehmen und Agenturen Blogger, oder gar „Influencer“, Relations. Ganze Schulungen werden abgehalten zum richtigen Umgang mit dieser neuen „Spezies“, diesem Medium, welches lange als günstiges, ertragreiches Kooperationsmittel galt. „Möglichst nett sein“ lautet die Devise und so wird das leckerste Catering aufgefahren, das umfangreichste Goodie Bag geschnürt, das spannendste Programm kreiert. Überall kämpfen Brands mit ihren „exklusiven“ Events um die Gunst der einflussreichen Online-Helden. Natürlich geben sich die Kommunikatoren auch digital alle Mühe mit möglichst wenig Geld möglichst viel herauszuholen. Eine Sonderbehandlung, die unter den „traditionellen“ Medien vermutlich nur Vogue, Harper’s Bazaar und Co. verlangen können.

Kein Wunder also, dass vermutlich schon jeder Agenturler auf der Welt gesagt hat „Im nächsten Leben werde ich einfach Blogger“. So einfach ist es selbstverständlich nicht. Die meisten erfolgreichen Blogger arbeiten schon seit Jahren hart an ihrem Traum der Selbständigkeit und wissen um ihre vielen, loyalen Follower, von denen die meisten Marken träumen können. So adjustieren sie beständig ihre Kooperationsanforderungen und schrauben die Preise höher. Den Preis eines Advertorials auf ähnlich gut besuchten Medienseiten haben sie dabei bisher längst nicht erreicht. NOCH nicht. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis professionelle Blogger so teuer werden wie C-Promi-Testimonials und Medienpartnerschaft in einem. YouTuber sind da ja sowieso schon in einer anderen Liga.

Mit dem steigenden (nicht unberechtigten) Preis verliert die Welt allerdings nicht nur für die weniger bemittelten PR- und Marketingmacher an Zauber. Auch für Leser werden die beliebtesten Blogs immer uninteressanter. Lange habe ich nicht verstanden, wieso sich jeder ständig und überall über die mangelnde Individualität der Blogger mockiert und ihnen vorwirft, ihre Follower zu verarschen. Ich mein‘ irgendwie müssen die ja schließlich für ihre Arbeit entlohnt werden und solange der Kram als „Sponsored“ markiert wird, wieso nicht. Ist schließlich auch kein Geheimnis, dass Modemagazine gern mal ihre Anzeigenkunden als „Trending“ bezeichnen.

Doch dann kam nicht nur der Chloé-Taschen-Hype, sondern auch der Pulli. DER Pulli. So’n senfgelbes Teil von Edited The Label. Die eigentlich gar nicht mal so bekannte Marke des gleichnamigen Onlineshops scheint momentan gefühlt jeden Fashionblogger Deutschlands eingekauft zu haben – anders kann ich mir nicht erklären, wieso sich die gesamte Blogosphäre von einem Moment auf den nächsten in Edited-Montur ablichtet und als #EDITEDgirls taggt. Das würde aber alles gar nicht so auffallen, wenn sich nicht die Hälfte für das gleiche Teil entschieden hätte: Den Oversized-Jumper „Svea“ trägt gerade jeder zur Schau, der etwas auf sich hält, und so sieht man ihn öfter als die eigenen Klamotten im Kleiderschrank.

Angefangen hatte es (für mich) mit Lina Mallon und Anna FrOst/fafine, die „zufälligerweise“ am selben Tag den Pullover trugen*. Nun gut, ob authentisch oder nicht, amüsant war’s und er stand beiden ausgezeichnet. Als dann aber auch Josie Loves, Bikinis & Passports, Designdschungel und wie sie alle heißen mit dem Pullover auftauchten, war’s für mich nur noch witzlos und gleichzeitig fraglich. Fanden wir das nicht alle immer doof auf dem Schulhof? Wenn jemand die gleichen Dinge anhatte und jeder den anderen kopierte? Und wird durch die extreme Penetrierung nur eines Teils eigentlich ein Hype kreiert oder eine Abneigung? Im Shop steht tatsächlich „Nur noch wenige auf Lager“, in meinem Kopf allerdings eher: „Blogblase, bald platzt du“. Oder bin ich da etwa zu pessmistisch?

*Nachtrag: die Wahl des Zeitpunkts war wohl wirklich zufällig!

https://twitter.com/annafrOst/status/657588710528196608

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10 Kommentare

  1. 23. Oktober 2015 / 8:53

    super Text und gut beobachtet! Ich folge nicht vielen klassischen, großen Modeblogs, daher sehe ich den Sweater gerade zu erstem Mal ;-) Da stellt sich dann die Frage ob Edited „alles richtig“ gemacht hat, mit der Strategie oder es schon drüber hinaus ist…

    • 23. Oktober 2015 / 15:24

      Danke fürs Kompliment! :) Für mich persönlich drüber hinaus – aber Bekanntheit erlangen sie so auf jeden Fall.

  2. VM
    23. Oktober 2015 / 20:36

    Oja… Diese Edited-Teile… Du hättest auch dieses gestreifte Maxikleid als Beispiel nehmen können.
    Danke für deinen Text. Ich habe nix gegen Kooperationen, finde die Strategie der Unternehmen, auf möglichst vielen Blogs zu erscheinen, aber gwfährlich, da mich zu ähnliche Koop-Beiträge als Leserin langweilen…

  3. 25. Oktober 2015 / 8:23

    Ein interessanter Bericht. Und ein schönes Beispiel für die Gefahren, die sich Blogger aussetzen, wenn sie „sich verkaufen“. Wer für einen Beitrag bezahlt wird, sollte das auch kommunizieren. Ist doch vollkommen okay, wenn der Pullover nichts gekostet hat. Und wenn evtl. noch ein Einkaufsgutschein dazu gelegt wurde.

    Aber wer versucht, seine Leser zu verar… also hinters Licht zu führen, wird sich damit langfristig disqualifizieren.

    Ehrlich währt am längsten.

  4. 30. Oktober 2015 / 13:49

    Jaja, klar, reiner Zufall. Merkt man sofort. Eddy schreibt über mir völlig zurecht, dass die Loyalitätswährung Ehrlichkeit heißt. Dreist zu behaupten, das wäre doch jetzt reiner Zufall, dass so viele Blogger am gleichen Tag den gleichen fusseligen Pullover tragen (verzeiht mir meine modische Unkenntnis), trägt nicht gerade zur Vertrauensbildung bei.

  5. Tanja
    3. November 2015 / 22:26

    Obwohl mir eigentlich die meisten Blogs (v.a. Modeblogs à la Tatjana Catic) voll am Arsch gehen, liebe ich ja deinen. Deine Wortwahl und dein Charme ist einfach echt kaum zu toppen und du sprichst mir echt oft einfach aus der Seele. :D
    Top, bitte weiter so!

  6. Cathrin
    6. Januar 2016 / 16:23

    Liebe Ines,
    durch Zufall habe ich deinen Beitrag entdeckt. Dieses „Phänomen“ beobachte ich auch seit einigen Monaten (v.a. Instagram, YouTube) und überlege sogar meine Masterarbeit darüber zu schreiben.
    Dein Text ist super geschrieben und trifft es auf den Punkt – danke für deinen Beitrag!! :)

    • 6. Januar 2016 / 19:56

      Dank dir! Die Masterarbeit fände ich definitiv interessant, da könnte man dann auch Unternehmen und Blogger interviewen.

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