Ein Besuch im KZ Sachsenhausen in Oranienburg

KZ SachsenhausenDer Himmel ist blau, die Blätter zeigen sich in den schönsten Orange- und Gelbtönen und alle sind entspannt – ist schließlich Sonntag. Welch‘ merkwürdiger Tag, um in ein ehemaliges Konzentrationslager zu fahren. Bindfadenregen, Nebel, Schnee. Fast jede Wetterlage würde besser passen. „In ein KZ fahren“, „Ein KZ besuchen“, „Wir verbringen den Sonntag im KZ“, klingt sowieso alles komisch. Ist ja nicht so, als würde man nicht wissen, welch Gräuel, welch Schandtaten, welch Unmenschlichkeiten in solch einer Einrichtung vonstatten gingen. Wie oft musste man Unfassbares erfahren, wie oft hat man sich der Vergangenheit wegen für seine eigene Nation geschämt, wie oft musste man Nazi-Vorurteile über sich ergehen lassen, obwohl einem nichts ferner läge. Nichtsdestotrotz: mit Berlin als neuem Wohnort im Osten, der sich näher an den bekannten, größeren ehemaligen Konzentrationslagern befindet, liegt der Wunsch nach einer erneuten Konfrontation mit den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte nahe. Es gibt immer wieder neue Details zu erfahren, die einem nicht bewusst waren, wahre Begebenheiten, die einen nicht fassen lassen wollen, dass sich dutzend PEGIDA-Anhänger an eine derartige Zeit freudig zurück erinnern. Mein Besuch im KZ Sachsenhausen war demnach von einer gewissen Neugier geprägt.

kzsachsenhausen_pathologie

Klar, Auschwitz als größtes Vernichtungslager kennt man. Aber das KZ Sachsenhausen? War mir ehrlich gesagt kein wirklicher Begriff. Dabei zählt das Arbeitslager zu den Schlimmsten in der Geschichte des Dritten Reichs. Mitten in Oranienburg gelegen, nahe der SS und Gestapo-Ausbildungsstätte fand sich die sogenannte „Geometrie des totalen Terrors“. SS-Architekt Bernhard Kuiper entwarf ein gleichseitiges Dreieck, in dessen Fläche er Häftlingslager, Kommandantur sowie das SS-Truppenlager unterbrachte.Vom Wachturm A aus sollte ein einziges Maschinengewehr die 68 Häftlingsbaracken ungehindert erreichen können. Da das Dreieck nicht wie erhofft beliebig erweiterbar war, wurde dieser Entwurf in keinem Lager fortgeführt. Allzu viel erhalten ist nicht mehr von dem ehemaligen Arbeitslager. Doch es reichen die Erzählungen der Führerin (auch wieder so ein komisches Wort in dem Zusammenhang), um das Ganze lebendig werden zu lassen.

Welche Erkenntnisse ich von meiner Besichtigung der Gedenkstätte Sachsenhausen mitnehme bzw. was ich definitiv nicht mehr vergessen werde:

  • Es gibt einen deutlichen Unterschied zwischen Arbeits- und Vernichtungslagern. In Sachsenhausen wurden mit mehreren zehntausend Menschen deutlich weniger Gefangene umgebracht (wenn auch immer noch ekelhaft viele) als z.B. in Auschwitz mit über eine Million Todesopfern. Nichtsdestotrotz ist das viel propagierte „Arbeit macht frei“ natürlich mitnichten für bare Münze zu nehmen. „Frei“ kann hier maximal mit dem Tod gleichgesetzt werden. Wenige Gefangene überstanden mehrere Jahre, zudem wurden in Sachsenhausen aufgrund der erhöhten Anzahl von Todesfällen sogar zusätzliche Gasöfen errichtet, um die Asche verbrennen zu können.
  • In der Pathologie starben viele Häftlinge an den Folgen medizinischer Experimente: Medikamente wurden getestet, Hepatitis B verabreicht. Sterilisation und Röntgenkastration wurden oft schon bei der Registrierung der Häftlinge vorgenommen.
  • Die Gefangenen wurden mithilfe eines Winkelsystems in verschiedene Kategorien eingeordnet. Schwarz: „Asoziale“ (z.B. Obdachlose), Rosa für Homosexuelle, Lila für Bibelforscher (hauptsächlich Zeugen Jehovas), Braun für Sinti und Roma, Blau für Emigranten, die nach ihrer Auswanderung wieder in den deutschen Machtbereich gelangten, Grün für deutsche Berufsverbrecher sowie Rot für Politische Gefangene. Zudem wurden Nationalitäten verzeichnet und Juden trugen auch weiterhin den Judenstern. Ironischerweise waren die kriminellen Berufsverbrecher in dem Winkelsystem fast ganz oben positioniert und hatten entsprechend bessere Chancen aufzusteigen und dem Leid zu entkommen.
  • Frauen waren hauptsächlich im KZ Ravensbrück untergebracht. Die wenigen Frauen im KZ Sachsenhausen waren Teil der sogenannten „Joy Division“, wo sich höhergestellte Gefangene und Wärter von ihnen beglücken lassen konnten. Wieso zur Hölle nennt man sich eigentlich als Band Joy Division?!
  • Weil die deutschen Soldaten es nicht ertragen hatten, den Kriegsgefangenen beim Erschießen in die Augen zu schauen, erhielten die beteiligten Männer mehrwöchigen Italienurlaub. Von da an wurde außerdem eine extra Genickschussanlage errichtet, bei der die Gefangenen bis zuletzt nicht wussten, dass sie sich in der Todesfalle befanden. Nach dem Erschießen wurden die Gefangenen verbrannt und die Asche an Angehörige verscherbelt ­– natürlich einfach irgendeine Asche.
  • Das KZ Sachsenhausen wurde später zum Speziallager der Sowjetunion. War im Prinzip genau der gleiche Scheiß: ein Häftling, der beide Diktaturen überlebte, sagte, das Schlimmste bei den Deutschen sei die krampfhafte Ordnung gewesen, z.B. stundenlang Stillstehen bei der morgendlichen Kontrolle, bei den Sowjets das Chaos mit noch überfüllteren Baracken und keinem erkennbaren Konzept.
  • Der SS-Ausbildungsort ist jetzt eine Polizeischule. Vermittelt irgendwie auch eine komische Botschaft.
  • Und gibt es überhaupt irgendetwas Positives? Vielleicht die Comic-Zeichnungen von Trickfilmmacher Hans Fischerkoesen in der ehemaligen Küche mit Kartoffeln, die sich glücklich von ganz alleine waschen.
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2 Kommentare

  1. t.
    8. November 2015 / 16:38

    Wirklich interessanter Beitrag, sehr bedrückend. Und mit dem Hintergrund sich Joy Division zu nennen, ist makaber. Genauso wie der Bandname Napalm Death irgendwie total meh ist.

  2. Artur
    25. Mai 2021 / 10:29

    Ja, ein interessanter Artikel – danke!
    Bei diesem Satz musste ich ’schmunzeln‘ – „Lila für Bibelforscher (hauptsächlich Zeugen Jehovas)“ Die Bibelforscher wurden später zu den ZJ ‚umorganisiert‘ – Siehe auch Wiki – „Den Namen Jehovas Zeugen verwendet die Religionsgemeinschaft seit 1931, gestützt auf Jes 43,10–12. Davor waren sie als Ernste Bibelforscher oder Internationale Vereinigung Ernster Bibelforscher bekannt.“

    Joy Division?? Klingt nicht schlüssig warum die Schargen der damaligen unrühmlichen Zeit ausgerechnet einen amerikanischen Begriff für ein weiteres eigenes Verbrechen am Menschen nutzen sollten!??

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