Unerwartet langweilig: Girl on the train

Eine eifersüchtige Alkoholikerin, ein vordergründig harmonisches Vater-Mutter-Kind-Gespann, eine frivole Nanny – fertig ist das Ensemble für Girl on the train. Der Bestseller von Paula Hawkins ist aktuell auf der großen Leinwand zu sehen und überzeugt mit einer faszinierenden Emily Blunt. Leider hat der Psychothriller sonst mit einigen Schwächen zu kämpfen.

Als die Affäre ihres Ex-Mannes ans Licht kommt, endet Rachels gewohntes Leben schlagartig. Sie verliert sich im Alkoholismus, leidet an wiederkehrenden Blackouts und stalkt jeden Tag ihren Verflossenen und seine neue Frau Anna, wenn sie im Zug nach New York City ihr altes Haus passiert, in dem die beiden samt Baby dem perfekten Alltag frönen. Um sich abzulenken, beobachtet Rachel auf ihren Fahrten vermehrt eine hübsche junge Frau, die in dem idyllischen Vorort ein paar Häuser weiter wohnt und mit ihrem sorglosen Leben alles verkörpert, was Rachel gerne hätte. Eines Tages muss sie allerdings mit ansehen, wie eben jene Frau ihren Freund betrügt. Rachel, an die noch immer nicht geheilten Wunden ihrer Vergangenheit erinnert, beschließt kurzerhand, die blonde Fremdgängerin zur Rede zu stellen und verlässt überstürzt den Zug. Angeheitert wie immer, erlebt sie die Zeit danach nur im Rausch und wacht am nächsten Tag blutverschmiert in ihrem Zimmer auf – ohne auch nur im Geringsten zu wissen, was in der Nacht zuvor passiert ist. Hat sie sonst derartige Eskapaden mehr oder weniger unbeschadet überstanden, läuft es dieses Mal für sie nicht ganz so rund: Megan, wie die geheimnisvolle Fremde heißt, ist nämlich seit eben jener Nacht spurlos verschwunden und Rachel steht schnell unter Mordverdacht. Ist sie wirklich schuld, versucht ihr jemand die Tat in die Schuhe zu schieben oder ist Megan einfach nur abgehauen, ohne jemanden zu informieren?

Anstatt sich an Rachels Erlebnissen entlang zu hangeln, wechselt Girl on the train unentwegt Zeiten und Perspektiven, denn das Drama ist getragen von den Erzählungen aller drei involvierten Frauen: der kaputten Rachel, die endlich einen neuen Lebensmittelpunkt braucht, der sorgenvollen Mutter Anna, die Rachel absolut nicht ausstehen kann, und der wankelmütigen Megan, die ihren Therapeuten mit immer neuen Lügengeschichten bei Laune hält. Leider ist keine der Protagonistinnen sonderlich sympathisch, sodass man sich weniger um deren Beweggründe und Emotionen schert, als um die alles entscheidende Frage, was eigentlich wirklich mit Megan passiert ist. Etwas wenig, um bei knapp zwei Stunden Girl on the train interessiert dran zu bleiben.

Nach Rachels gefühlt zehnten Halluzinationswiederholung möchte man den Regisseur persönlich endlich um Auflösung bitten. Diese kommt dann natürlich auch irgendwann, unerwartet brutal und aufrüttelnd, kurz vor Ende des Films. Wirklich überraschend ist der Ausgang zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, dafür fast schon unnachvollziehbar deutlich, weil wirklich alle Aspekte des Rätsels doppelt und dreifach beleuchtet wurden. So bleibt der gezogene Hut vor einer talentierten Emily Blunt und die Einsicht, dass für regnerische Herbstabende lieber das so oft in einem Atemzug genannte Gone Girl gewählt werden sollte.

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