What I’ve learned from one year in Berlin

Ines_01Für viele junge Menschen steht zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens fest, dass sie in Berlin leben wollen. Diese gemeinhin als „cool“ bezeichnete, international wohl mit Abstand angesehenste deutsche Stadt lockt mit ihrer Vielfalt, Glitzerpartys und dem Gefühl von Freiheit. Mir war Berlin eigentlich immer ziemlich egal. Ich fühlte mich lange ganz wohl in NRW. Ob Ruhrgebiet oder Rheinland, „Heimat“ hatte viele Facetten und viele davon waren schön. Wie es die Berufswelt so wollte, zog es mich dann aber doch in die hunderte Kilometer entfernte deutsche Hauptstadt. Seit einem Jahr lebe ich nun dort, hier, von welcher Perspektive ihr auch lest. Zeit für ein Fazit.

Von der Distanz

Tempelhofer Feld„In Berlin brauchst du für jede Strecke 30-45 Minuten“ ist eine Weisheit, die man in den ersten Monaten des Öfteren um die Ohren gehauen bekommt, und eine wunderbare Zusammenfassung für „Berlin ist verdammt groß“. Ich denke hier gerne in Ruhrgebiet-Dimensionen, wo ich immer die Auswahl hatte, ob ich 30 bis 45 Minuten nach Essen, Dortmund, Bochum, Duisburg oder Oberhausen fahre. Der Unterschied: da gehörte es nicht zu meinem Alltag, sondern war vielleicht einmal die Woche der Fall. Jetzt ist die Strecke Teil meiner täglichen Zeit-Kalkulationen. Als Friedrichshain-Nordkiez-Mensch ist zum Beispiel 20 Minuten bis Alex Normalfall, IMAG5950Neukölln hat distanztechnisch ein paar mehr Überlegungen nötig und Charlottenburg ist eine Weltreise, die quasi nie angetreten wird. Ganz zu schweigen von Ausflügen ins Berliner Umland, das ich bisher größtenteils nur aufgrund von Fernbusfahrten sah. Sehr beliebt ist auch die Definition „im Ring“ bzw. halt „außerhalb des Rings“, eine der vielen Formulierungen für „och nö, heute mal lieber hier bleiben“. Als Nicht-Ringbahn-Anwohner kann ich diese Aussagen zwar nur begrenzt tätigen, kann dafür aber mit der Tram trotzen, für deren Bezeichnung mich meine lieben NRW-Freunde immer noch auslachen. Aber „Straßenbahn“ klingt halt irgendwann dann auch zu gewollt künstlich und außerdem mag ich meine BVG-Trams. Die fahren die Nacht durch und haben bei Schnee keine Probleme. Ja, das war ein Seitenhieb an die Deutsche Bahn mit ihren S-Bahnen, die ich weitaus unsympathischer finde als die Berliner Verkehrsbetriebe. Die BVG PR Aktion #weilwirdichlieben hat mich aber natürlich trotzdem zum Lachen gebracht. Die meisten Ironie-Beschwerden kamen übrigens von Busfahrgästen. „Fahr nur Bus, wenn es sich nicht vermeiden lässt“ – auch so eine Berliner Weisheit.

Von der Hässlichkeit

Fight Club Grafitti„Berlin hat seine eigene Art von Schönheit, die mit grünen Vororten nichts am Hut hat“ wollte ich erst schreiben, aber das ist halt auch irgendwie nicht richtig, denn beschauliche und ruhige Stadtteile oder –gebiete gibt es genauso viel oder oft wie Plattenbauten, Graffiti-Schaufenster und kaputte Stolpersteine auf dem Boden. Es ist eigentlich immer ein Park in der Nähe, in dem man abends den Grill anschmeißen oder den Feierabend betrinken kann, und damit meine ich jetzt nicht nur das Tempelhofer Feld (ist ja auch zu weit weg). Aber klar, gerade im Winter bestimmen die vielen zerrütteten Altbauten und „lost places“ auf den ersten Eindruck folgend das Stadtbild. Das hat allerdings auch irgendwie Charme. Nicht umsonst gibt es einen Instagram-Account nach dem anderen, der Berlin feiert für das, was es ist: eine laute, dreckige Großstadt mit hin und wieder etwas Grün. Damit will ich jetzt allerdings nicht sagen, dass ein opulenter Hofgarten im Stadtzentrum nicht ebenfalls was Feines wäre. Der Rhein hatte auch doch irgendwie mehr Flair als die Spree.

Von der Vielfalt

MagnetHat man sich einmal dran gewöhnt, dass man zwar in einem der aktiveren Stadtteile wohnt, aber doch hin und wieder dreimal umsteigen muss, bietet einem Berlin natürlich einiges. Wenn nicht sogar alles, abgesehen von Sandstrand, Palmen und Nichtraucherkneipen. Man wohnt in der Stadt, in der Menschen nicht nur Silvester feiern wollen, sondern die generell aus Spaß und für Spaß besucht wird und das ist natürlich bei ALLEM spürbar. Es gibt ALLES zu essen, JEDE Art von Party, fast JEDE Konzerttour, mit die BESTEN Tattoo Artists, ZAHLREICHE Premieren und Festivals und Pop Up Stores und Press Days und Fashion Shows und und und. Ich hatte viele Firsts dieses Jahr und nein, Drogen gehören nicht dazu, dafür aber zum Beispiel ein Feuerwehr-Wassertest im Hochsommer, Fashion Week oder die Lichtgrenze-Feierlichkeiten. WasserschlachtIm Prinzip gibt es nur drei Herausforderungen: wissen, was geht, wissen, wie man reinkommt und, das Schwierigste: Zeit haben. Denn erst einmal arbeiten wir Medienmenschen ja sowieso meist mehr als vereinbart und dann sind die meisten Veranstaltungen auch noch werktags. Abends! Nachts! Wehe dem, der einfach nur schlafen möchte. Doch auch das ist Berlin: „Nein“ sagen können und dem Freizeitstress entsagen. Ich bin in sowas recht gut, liebe ich einfach meine freien Entspannungs(Blog-, Serien-)abende zu sehr, allerdings geht trotzdem kein Tag vorbei, an dem man nicht wieder irgendeine Facebook-Veranstaltung entdeckt, die einen zumindest erst einmal „Vielleicht“ klicken lässt. Berlin heißt aber halt ebenso, sich ohne schlechtes Gewissen entscheiden zu können, denn natürlich passiert auch vieles gleichzeitig – bei mir vorrangig konzerttechnisch. Wenn man wenigstens vorher wüsste, welche der drei Hardcoreshows am Abend sich am meisten lohnt… Im Zweifel natürlich immer die, bei der man nicht war.

Von den Menschen

2014-05-10 20.09.49„Aber ich kann doch nicht mit Jogginghose durch die Stadt laufen“ meinten schon diverse Personen zu mir, die mich mit dem Fernbus besuchen wollten. „Oh doch, das wird absolut keinen interessieren“ meinte ich daraufhin zu meinen Freunden und es stimmt auch. Ähnlich der Vielfalt der gebotenen Veranstaltungen sieht man jeden Tag so viele abgefuckte, skurrile, betrunkene, verkleidete Menschen, dass man die schillerndsten Persönlichkeiten irgendwann maximal mit einem Achselzucken hinnimmt und selbst durchaus eitle Köpfe (wie ich) etwas lockerer vor die Tür treten. Doch auch wenn man leichthin das Gefühl hat, dass Individualität unmöglich ist und vermutlich sogar drei fast identische Kopien von einem selbst durch die Stadt laufen, hat Berlin durchaus Dorfcharakter. Man trifft sich auf denselben Parties, begegnet genau den Menschen in der Bahn, die man am besten niemals wiedersehen wollte und erfährt immer wieder von den eigenartigsten Verbindungen verschiedenster Bekannten- und Freundeskreise. „Wer kennt wen“ hätte durchaus eine Berliner Erfindung sein können und es ist tatsächlich von Vorteil, zwischendurch die Freundeslisten neuer Bekanntschaften zu scannen…

TretbootUnd bleibe ich nun in Berlin? Erst einmal ja. Neuanfänge sind doch scheiße. Außerdem wird man einfach so wahnsinnig abhängig von der Stadt. Von der Offenheit, den Spätis, den Optionen. Da fühlt man sich andernorts schnell eingeengt und erwischt sich oft beim „Also in Berlin…“-Sagen, als wäre man schon wahnsinnig lange dort.

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16 Kommentare

  1. 27. Januar 2015 / 9:22

    Ich habe zwar noch nie in Berlin gewohnt, aber schon oft gute Freunde dort besucht, und finde dass deine Schilderungen meine Eindrücke ziemlich treffen! Ich finde, dass das Adjektiv „aufregend“ Berlin treffend beschreibt – weil dreckig, hip, usw. immer nur eine Facette beschreiben. Wohnen wollte ich trotzdem nie da – dafür bin ich warscheinlich zu uncool oder zu „Süddeutsch“. Nach München wollte ich aber bewusst auch nie und lebe jetzt schon seit acht Jahren glücklich hier – manchmal muss man sich eben drauf einlassen und merken, dass es doch ganz gut ist ;-) liebe grüße aus dem Süden *thea

    • 27. Januar 2015 / 12:18

      In MUC war ich auch mal für drei Monate und selbst in dieser kurzen Zeit ging’s von „oh wie spießig“ zu „ach, kann doch ganz cool sein“.

  2. Nina
    27. Januar 2015 / 9:46

    „Aber ich kann doch nicht mit Jogginghose durch die Stadt laufen“ :D:D

  3. 27. Januar 2015 / 10:27

    Also ich war jetzt schon ein paar Mal als Gast/Tourist in Berlin, und immer wieder nehme ich mir vor, die Stadt zu mögen – aber ich tu’s einfach nicht. Berlin gefällt mir nicht, und ich hatte noch nie den Drang, dort leben zu wollen. Eine meiner besten Freundinnen wohnt auch in Berlin, zum Studieren, und sie ist ebenso angetan wie du und erzählt von ihren spannenden und aufregenden Erlebnissen, aber mich reizt das nie ;)
    Trotzdem ist es natürlich schön, dass du dich wohl fühlst und ich hoffe dass wird noch ganz lange so bleiben :)

    PS: Die „Tram“ gibts hier in Essen aber auch :)

    • 27. Januar 2015 / 12:17

      Also ich bin ja auch nicht durchweg begeistert, sondern sehe schon die Punkte, die stören könnten und es in Zukunft vielleicht auch tun. Nur gerade überwiegt der positive Eindruck. Und von meinen Ruhrpott-Freunden sagt dazu jeder Straßenbahn :D

      • 29. Januar 2015 / 22:38

        Ich sag auch SBahn. Steht aber tatsächlich Tram dran. SBahn gibts aber auch. Und UBahn. So richtig hab ich das System noch nicht durchschaut. Bei uns aufm Land gabs n Bus. Mehr nicht. ;)

  4. 27. Januar 2015 / 10:49

    Super Fazit! Musste oft schmunzeln und habe mich beim Nicken erwischt. Sehr schön auf den Punkt gebracht. :-)

  5. 27. Januar 2015 / 15:35

    Ich wohne jetzt seit fast einem Jahr in Berlin und kann Deinen Text zu 100% unterschreiben.
    Eine sehr schöne Zusammenfassung. Gerade das hier:
    „Da fühlt man sich andernorts schnell eingeengt und erwischt sich oft beim „Also in Berlin…“-Sagen, als wäre man schon wahnsinnig lange dort.“
    kommt mir sehr bekannt vor.

  6. 27. Januar 2015 / 20:43

    Ein sehr schöner Artikel, wie so häufig hier :) Einen ähnlichen Eindruck höre ich immer von Bekannten, die auch nach Berlin gezogen sind. Berlin hat nicht nur tolle Seiten, das ist klar, aber das hat keine Stadt. Auch wenn ich Berlin nicht gut genug kenne, gefällt mir der flair und einfach die Stadt doch sehr. Ich freue mich schon sehr darauf mich im Sommer nach Berlin durchzuschlagen und die Stadt mal richtig kennenzulernen. Ich erhoffe mir einiges davon – mal schauen, wie es wird und wen ich dort so alles treffen werde :) Gerade so Artikel wie hier machen irgendwie noch mehr Lust auf Berlin!

  7. Chris
    29. Januar 2015 / 14:16

    Du bringst das Lebensgefühl ganz gut auf den Punkt. Dafür Daumen hoch! Und ich weiß, dieser Dauerrausch hat definitiv seinen Reiz. Auf der anderen Seite sind durch die Vielzahl an Möglichkeiten und Abenteuern die zwischenmenschlichen Kontakte oftmals oberflächlich, jeder ist gut genug mit sich selbst beschäftigt und möchte sich bloß nicht entscheiden. Das drückt sich dann in unzähligen flüchtigen Bekanntschaften und zwanglosen Affären aus. Und man will immer mehr. Das möchte ich auch nicht verteufeln, schöner sind jedoch echte Freundschaften und jemand, der einen liebt. Deshalb ist meiner Meinung nach weniger oftmals mehr. Man sollte einerseits das aufregende Leben genießen und sich andererseits auch auf die liebenswerten Menschen in seinem Umfeld einlassen können. So sehe ich das nach 1 1/2 Jahren – und ich möchte Berlin auch nicht mehr missen! ;)

    • 29. Januar 2015 / 23:37

      Ich kann das nur unterschreiben, die zwischenmenschlichen Kontakte und die Suche nach Zweisamkeit hätten einen Extra-Text gebraucht. Pärchen, die die vielen Optionen mit einem gemeinsamen Couch Potato Dasein verbinden können, sind die sympathischsten ;D

  8. 29. Januar 2015 / 16:01

    Das nenne ich mal eine schön kritische Liebeserklärung an Berlin.

    Hat Spaß gemacht den Text zu lesen.

    Als Berliner hatte ich mal die umgekehrte Erfahrung mit NRW gemacht. Es hatte mich mal für ein paar Jahre in den Ruhrpott verschlagen, seitdem sehe ich Berlin auch mit anderen Augen.

    Die Meisten Menschen, die nach Berlin kommen kennen vor allem ihren Bezirk (Kiez) und dann noch zwei bis drei weitere. Dabei wird alles was innerhalb der Ringbahn liegt als typisch Berlin gesehen. Deswegen ist das Berlinbild meiner Meinung etwas verzerrt, weil Bezirke wie Spandau, Marienfelde oder Karlshorst wirklich eine Weltreise entfernt sind und oft kein Anreiz besteht sie zu erkunden.

    Beste Grüße

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